EIN WEITAUS SÜSSERES SCHICKSAL: Schattenkrieger in der Ukraine

Leseprobe

EIN WEITAUS SÜSSERES SCHICKSAL: Schattenkrieger in der Ukraine ist ein packender Militärthriller über Krieg, Widerstand, Loyalität und eine gefährliche Mission im besetzten Gebiet der Krim.

Der ehemalige US-Soldat John Kovalenko schließt sich ukrainischen Partisanen an und übernimmt eine Mission tief hinter den feindlichen Linien. Zwischen militärischer Pflicht, persönlichen Beziehungen und den brutalen Realitäten des Krieges muss er Entscheidungen treffen, deren Folgen tödlich sein können.

Lesen Sie hier die ersten Kapitel des Romans.

„Originell, packend, intensiv – ein faszinierendes Leseerlebnis von der ersten bis zur letzten Seite. Ich habe das Buch eines Abends angefangen und konnte es nicht aus der Hand legen, bis ich es verschlungen hatte … Ein unvergesslicher Roman, der morgen schon Realität sein könnte.“
– James A. Cox, Chefredakteur, Midwest Book Review & Library Bookwatch (aus dem Englischen übersetzt)

Kapitel 1: Angriff der Drohnen

Das Erste, was einem keiner über den Krieg erzählt: wie er stinkt. Kordit, Dieselkraftstoff und der Schweiß der Angst ergeben einen Cocktail, der sich in die Nase brennt und sich ins Gedächtnis einätzt. Das Zweite: wie schnell man lernt, diesen Gestank zu lieben – denn er bedeutet, dass man noch lebt, um ihn zu riechen.

An diesem Tag sollte ich ihn riechen. Aber vorher hüllte dichter Nebel die südliche ukrainische Küste ein und machte alles klamm und rutschig. Unaufhörlicher Regen fiel vom Himmel, ohne Aussicht auf ein Ende – typisch für die Gegend im Frühling, wie man mir sagte. Es war tief in der Nacht, Stunden vor Sonnenaufgang, und Dunkelheit lag über allem. Selbst der Mond verschwand hinter finsteren Wolken. Eine Weile herrschte gespenstische Stille.

Dann riss der schrille Schrei der Fliegeralarm-Sirenen die Nacht auf.

„In Deckung!“, brüllte ein Soldat in der Nähe.

Während ich zum Bunker sprintete, das Muskelgedächtnis aus zwanzig Jahren Militärdienst längst übernommen, schoss mir mitten durchs Chaos ein Gedanke: Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?

Vor vierzehn Monaten war ich Colonel John Kowalenko, pensionierte US-Spezialeinheit, und lebte zurückgezogen in einem Vorort von Virginia. Als mich im März 2022 Präsident Selenskyjs Aufruf an Freiwillige erreichte, hatte ich vorgehabt, als Ausbilder zu kommen – den ukrainischen Streitkräften mit meinem Fachwissen zu helfen und dann in meinen bequemen Ruhestand zurückzukehren.

Meine ukrainischen Großeltern wären stolz gewesen. Sie waren um die Jahrhundertwende aus diesem Land geflohen, hatten mich aber so erzogen, dass ich nie vergaß, woher ich stammte – dass das Blut dieser Erde in meinen Adern floss.

Aber Rekruten hinter den Linien auszubilden, reichte nicht. Nicht mehr, nach dem, was ich in jenem Feldlazarett außerhalb von Charkiw gesehen hatte.

Eine junge Sanitäterin, kaum neunzehn, starb an einer Schrapnellwunde – und versuchte noch dabei, andere zu versorgen.

„Sag ihnen, dass es uns gab“, hatte sie mit Akzent auf Englisch geflüstert, als sie erfuhr, dass ich Amerikaner war. „Sag ihnen, dass wir gekämpft haben.“

Von diesem Moment an war ich kein Ausbilder mehr. Ich war Kämpfer.

Ich rannte mit einem Trupp ukrainischer Soldaten vom Nachtdienst zum Eingang eines der zahlreichen befestigten unterirdischen Bunker, die genau für solche Momente gebaut worden waren. Die meisten von uns suchten Schutz. Aber eine kleine Gruppe mutiger Spezialisten für elektronische Kriegsführung wagte sich weiter vor, setzte sich bewusst dem Schrapnellhagel des heranrasenden Bomben- und Raketenregens aus. Sie taten es, um den Stützpunkt zu verteidigen.

Diese Spezialisten waren stets unsere zweite Verteidigungslinie – die erste lief automatisch. Bewaffnet waren sie nicht mit gewöhnlichen Gewehren, Panzerfäusten oder anderen Geschossen, sondern mit futuristischen, elektronischen, gewehrähnlichen Geräten, die aussahen wie Requisiten aus einem drittklassigen Science-Fiction-Film. Diese „Gewehre“ verschossen keine Kugeln, gehörten aber zu den wirksamsten Anti-Drohnen-Waffen, die wir hatten. Sie sendeten elektromagnetische Signale aus, die Drohnen stören, lahmlegen oder sogar übernehmen konnten.

Die Luft war bereits erfüllt vom erdbebenartigen Krachen der Drohnen, die unsere erste Verteidigungslinie vom Himmel holte. Der Lärm war ohrenbetäubend, machte klares Denken schwer, geschweige denn Sprechen. Doch in diesem Chaos wusste ich eines mit Sicherheit: Das hier war Krieg, und im Krieg zählt nur Überleben.

Direkt vor dem Eingang meines Bunkers stand ein junger ukrainischer Offizier und schrie auf Ukrainisch in sein Funkgerät. Er kämpfte verzweifelt gegen den ohrenbetäubenden Lärm an, ängstlich, aber entschlossen. Seine Stimme kippte vor Anstrengung.

„Alpha-Trupp, haltet die Stellung!“, brüllte er. „Lasst die Bastarde nicht durch! Hubschrauber sind unterwegs, in ein, zwei Minuten sind sie da – bis dahin verteidigt die Basis! Holt mir jede verdammte Drohne runter, die durchkommt!“

In diesem Moment, während ich diesem Jungen zuhörte, wie er sich gegen eine erdrückende Übermacht zu behaupten versuchte, verstand ich, warum ich vom Ausbilder zum Frontkämpfer geworden war. Es ging nicht nur um mein ukrainisches Erbe oder darum, das Andenken meiner Großeltern zu ehren – so wichtig das auch war. Es ging nicht einmal nur um die Worte der sterbenden Sanitäterin, so sehr sie mich auch verfolgten.

Es ging um diese jungen Menschen, die eigentlich gerade erst ihr Leben beginnen sollten. Stattdessen standen sie hier, zusammen mit älteren Männern und sogar ein paar Frauen, und lernten, über Leben und Tod zu entscheiden, während russische Drohnen versuchten, sie zu Hackfleisch zu verarbeiten.

Nach Charkiw, nach Bachmut, nachdem ich gesehen hatte, wozu diese Menschen fähig waren, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals stand – wie hätte ich da in Sicherheit bleiben und Waffenwartung unterrichten können?

Aus dem Funkgerät antwortete eine Stimme.

„Hab einen! Hab einen!“, jubelte die Stimme auf Ukrainisch. „Noch einer! Zwei Volltreffer! Aber es sind zu viele! So viele auf einmal hab ich noch nie gesehen!“

„Gut gemacht!“, rief der Offizier zurück. „Weiter so! Nutzt die Ortungssysteme, die sind online. Keine Panik. Konzentriert bleiben, wachsam bleiben. Holt sie runter!“

Eine andere Stimme schnitt laut dazwischen: „Einschlag! Deckung!“

Eine ohrenbetäubende Explosion ließ den Boden erzittern. Eine der russischen Kamikaze-Drohnen hatte im Sand eingeschlagen, nahe bei den ukrainischen Soldaten, die gerade ihre Drohnenabwehrwaffen abfeuerten. So etwas passierte manchmal – selbst wenn das Zielsystem der Drohne erfolgreich lahmgelegt worden war, konnte es sein, dass der Spezialist sie nicht mehr dazu brachte, sich schon in der Luft selbst zu zerlegen.

„Wolfsmann!“, rief der Offizier den Decknamen des Soldaten, besorgt. „Wolfsmann! Meld dich! Meld dich!“

Keine Antwort – und der Offizier klang zunehmend verzweifelt, vergaß für einen Moment, dass er nur den Decknamen benutzen sollte.

„Bist du getroffen? Geht’s dir gut? Sergej? …“

„Sergej!“

Der Rutscher des Leutnants vom Decknamen zum echten Namen traf mich wie ein Faustschlag. In diesem einen Wort hörte ich jeden Truppführer, den ich je gekannt hatte, jeden Freund, den ich verloren hatte, jedes Mal, wenn das Funkgerät verstummte, genau in dem Moment, in dem man es am dringendsten wieder zum Leben brauchte.

Ein Teil von mir – der rationale, überlebensfixierte Teil, der mich zwei Jahrzehnte lang bei den Spezialeinheiten am Leben gehalten hatte – flüsterte mir zu, ich hätte längst genug getan.

Ich hatte geholfen, Tausende ukrainische Soldaten auszubilden, hatte in Charkiw gekämpft, als wir die Russen zurückdrängten, hatte die Stellung bei Bachmut gehalten, als alle sagten, es sei aussichtslos. Ich hätte zu meinen Ausbildungsaufgaben zurückkehren können, sogar zurück in die vollkommene Sicherheit Amerikas, ohne dass meine Ehre gelitten hätte – selbst nach dem, worum mich diese Sanitäterin gebeten hatte.

Aber da war dieser andere Teil von mir – der Teil, der die Gene meiner Großeltern in sich trug. Dieselben Gene, die diese Menschen antrieben, ihr Land mit solcher Tapferkeit zu verteidigen. Und die Geschichten meiner Großeltern, die erzählten, wie sie vor einem Jahrhundert vor den Gewehrläufen der russischen Kommunisten aus diesem Land geflohen waren.

Dieser andere Teil wusste es besser. Das Böse kennt keine Grenzen. Die Tyrannei prüft nicht deinen Stammbaum, bevor sie dir die Tür eintritt.

Er war kein Soldat unter meinem Kommando. Ich kannte den jungen Mann nicht mal. Trotzdem war ich erleichtert, als dieselbe Stimme wieder über Funk kam und auf Ukrainisch sagte:

„Alles gut, Leutnant, alles gut“, sagte die Stimme, „war knapp. Bin schon wieder aufgebaut. Noch nicht fertig hier. Da sind noch genug von den Bastarden übrig! Keine Sorge!“

Die Männer und Frauen der ukrainischen Streitkräfte sind größtenteils Freiwillige, viele wurden aber auch einberufen. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen, Regionen und Berufen. Manche sind sehr jung. Viele sind älter, als man in der amerikanischen Armee überhaupt aufnehmen würde.

Und doch verbindet sie alle dasselbe: Sie lieben ihr Land so sehr, wie ich meines liebe. Sie wollen es frei sehen von russischer Tyrannei. Die Ukraine ist alles andere als eine perfekte Demokratie. Sie kämpft noch immer mit dem Erbe sowjetischer Korruption und Misswirtschaft.

Aber jeder Soldat der ukrainischen Streitkräfte, jeder Zivilist weiß genau, wie er sich den Wandel wünscht. Sie wollen, dass die Ukraine der Gemeinschaft der westlichen Demokratien beitritt. Sie wollen, dass ihr Land aufblüht. Sie wollen ein besseres Leben für ihre Kinder und für die Kinder ihrer Kinder.

Mit dem alten sowjetischen Universum wollen sie nichts zu tun haben, ebenso wenig mit dem neuartigen russischen Faschismus, den sich ihr Nachbar zu eigen gemacht hat.

Die Russen konnten diesen Ort bombardieren, terrorisieren, Menschen töten, Dinge zerstören. Darin sind sie sehr gut. Aber den Geist der Verteidiger konnten sie niemals brechen.

Und mit allem, was sie sonst aufbieten konnten, kamen sie in diesen speziellen Stützpunkt auch nicht hinein – außer mit Atomwaffen. Die Anlage war gut befestigt, mit stahlbewehrten Betonhöhlen, in denen sämtliche kritische Ausrüstung und Vorräte lagerten. Das machte es praktisch unmöglich, die ukrainische Seedrohnenflotte zu vernichten, die größtenteils sicher tief in den verstärkten Kavernen verborgen lag.

Diese kleinen ukrainischen „Sea Baby“, „Kosak-Mamai“, Magura V5 und anderen unbemannten Wasserfahrzeuge sind klein, aber tödlich – kleine Kamikaze-Boote. Sie können überall im Schwarzen Meer zuschlagen. Sie sind der Fluch der russischen Marine, lauern in dunklen Gewässern, warten auf den richtigen Moment.

Und wenn sie zuschlagen, richten sie schwere Schäden an, egal ob im Hafen oder auf See. Die Russen haben immer wieder versucht, diesen Stützpunkt zu zerstören. Jedes Mal sind sie gescheitert. Auch diesmal warfen sie alles hinein, was sie hatten.

Aber die Ukrainer waren vorbereitet. Das waren sie immer.

Da war ein dumpfes Grollen, ein Summen, das immer lauter wurde – fast als würde eine ganze Kolonne Mopeds auf ein einziges Ziel zurasen. Es war das Echo der überlebenden Shahed-Drohnen. Sie hatten unsere erste Verteidigungslinie durchbrochen, die automatischen Waffen, und auch die zweite, die elektromagnetischen Strahlenkanonen.

Nun bot der Nachthimmel ein weiteres, geradezu hypnotisches Schauspiel: Die bemannten Flugabwehrgeschütze schossen ein Sperrfeuer aus Leuchtspurmunition, das die Dunkelheit in eine Leinwand flackernder Lichter verwandelte. Der unerbittliche Tanz der Zerstörung ging weiter, durchbrochen von donnernden Explosionen, als eine Drohne nach der anderen ihr Ende fand.

Unsere Abwehr bezwang den Drohnenschwarm langsam, aber tapfer. Doch eine dunklere Wahrheit lauerte darunter. Marschflugkörper und ballistische Raketen waren bei jedem Drohnenschwarm-Angriff eine unmittelbare Gefahr.

Gerissene russische Strategen setzten die billigen Drohnen vor allem als Ablenkung ein, in der Hoffnung, unsere Raketenabwehr zu überfordern. Da sie wussten, dass unsere kritischen Anlagen aus Stahlbeton gebaut waren, war ihr eigentliches Ziel, schwere Raketen durch das Verteidigungsnetz zu schleusen.

Diese Taktik hatten sie von uns gelernt. Eine Drohne, eine Rakete nach der anderen fiel unserer kinetischen Abwehr zum Opfer. In der Luft zermahlen. Zu Asche verglüht.

Dann, plötzlich, schien die Erde unter unseren Füßen zu bersten. Der Boden zitterte, als hätte sich ein uraltes Ungeheuer unter der Erde geregt und würde sich nun herauskrallen. Erde und Gestein stürzten von der Steilküste herab.

Eine schwere russische Rakete hatte alle unsere Verteidigungssysteme umgangen. Sie war oben auf dem Hochplateau eingeschlagen und hatte das frische Gefühl von Unverwundbarkeit zerschmettert, das der überwiegend erfolgreiche Einsatz unserer Abwehr gerade erst geweckt hatte.

Das wird einen ordentlichen Krater hinterlassen, dachte ich.

Betonstaub legte sich körnig und bitter auf meine Zunge. Meine Ohren dröhnten von der Druckwelle, und für einen Moment war ich wieder in Afghanistan, sah einen Humvee in einer Wolke aus Rauch und Trümmern verschwinden. Dieselbe hilflose Wut. Dasselbe verzweifelte Gebet, dass irgendwie, unmöglicherweise, alle lebend rausgekommen waren.

Bis Mai 2023 gingen ihnen die präzisionsgelenkten konventionellen Waffen aus. Sie begannen, alles einzusetzen, was sie finden konnten – auch Relikte aus dem Kalten Krieg, wie ballistische Mittelstreckenraketen, die man mit konventionellen Sprengköpfen nachgerüstet hatte. Der schwere Treffer auf dem Plateau musste eine dieser Waffen gewesen sein. Eine ballistische Langstreckenrakete mit schwerem konventionellem Sprengkopf.

Aber es braucht keine Atombombe, um einem das Gehör zu rauben. Die Explosion eines großen konventionellen Sprengkopfs macht Lärm genug, um Tote zu wecken.

Und der Klang ukrainischer Hubschrauber zerschnitt die Luft, während sich der Takt der kleineren Explosionen beschleunigte. Die Hubschrauber feuerten mit Bordkanonen auf die russischen Drohnen. Shahed-Drohnen sind dagegen anfällig, und die Bordschützen kennen ihr Handwerk.

Die Wucht des russischen Angriffs ließ rasch nach. Die meisten Drohnen waren vernichtet. Dann war es vorbei. Nur eine einzige Kamikaze-Drohne und eine Rakete hatten den Spießrutenlauf überstanden.

Das volle Ausmaß des Schadens würde erst morgens klar sein, aber ich bezweifelte, dass es gravierend sein würde. Auf dem Hochplateau würde ein riesiger Krater klaffen, aber das Gelände dort war ohnehin brachliegendes Land.

Was die Drohne betraf, die den Strand getroffen hatte – Ebbe und Flut würden neuen Sand heranspülen und den alten wieder einebnen. Der Krater würde sich binnen weniger Tage von selbst füllen.

Für jemanden, der den Krieg noch nicht kennt, sind solche Nächte nervenzermürbend. Aber Krieg ist für mich nichts Neues. Und ich suche gern das Positive selbst in der dunkelsten Wolke.

Vor dem Angriff hatte ich kaum die Augen offenhalten können – jetzt hielt mich der Adrenalinstoß hellwach. Kein Kaffee nötig. Und das war auch gut so, denn bald würde ich zu meiner Mission aufbrechen und wollte nicht auf Koffein angewiesen sein.

Eine neue Sirene ertönte aus den Lautsprechern und gab das beruhigende Signal der Entwarnung. Alle, die nicht direkt in die Verteidigung des Stützpunkts eingebunden waren, kamen aus den Bunkern – auch ich.

Ich atmete tief durch. Die Luft war verdorben vom anhaltenden Gestank verbrannten Sprengstoffs. Der Nieselregen, der zuvor so unwillkommen gewesen war, hatte aufgehört. Jetzt wäre er willkommen gewesen – er hätte vielleicht ein wenig von diesem Gestank weggewaschen.

Es würde noch eine Weile stinken.

Als die Entwarnungssirene über den Stützpunkt heulte und ich aus dem Bunker trat, spürte ich etwas, das ich seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte. Einen Zweck. Einen Grund zu sein.

Der beißende Rauch, der mir die Lunge verätzte, das Adrenalin, das noch immer durch meine Adern schoss, das Wissen, gerade wieder eine Nacht in der Hölle überstanden zu haben … und doch fühlte sich alles irgendwie richtig an.

Ich weiß, das ergibt kaum Sinn. Aber irgendwie ergab es welchen – zumindest in diesem Moment, damals, für mich.

Die kühle, feuchte Brise wehte noch immer und kribbelte auf meiner Kopfhaut unter dem kurzgeschorenen Haar. Ich sah mich um, blickte zum Himmel hinauf. Durch die dicke Wolkendecke war noch immer kein Stern, kein Mondlicht zu erkennen.

Alles war wieder tiefschwarz. Man konnte kaum etwas sehen. Aber soweit ich überhaupt etwas erkennen konnte, schien alles wieder genau so zu sein wie vor dem russischen Angriff.

Der behelfsmäßige kleine Hafen wirkte unversehrt. Soweit die Dunkelheit es erkennen ließ, lagen alle Boote noch sicher vertäut an den Docks. Genau das brauchte ich – denn bald würde mich eines dieser Boote auf eine Reise zur Krim mitnehmen.

Aber etwas hatte sich verändert, in diesen Minuten des Chaos.

Irgendwo in dieser Hölle, zwischen den kreischenden Raketen und dem knisternden Funkverkehr, war in mir eine neue Entschlossenheit gewachsen. In weniger als einer Stunde würde ich an Bord eines winzigen Gefährts gehen, das mich auf eine Mission bringen würde, so gefährlich, dass selbst kampferprobte ukrainische Offiziere den Kopf schütteln, mich für verrückt erklären und es Selbstmord nennen würden.

Eine Infiltration tief ins russisch besetzte Herz der Krim.

Aber nach dieser Nacht, nach Charkiw, nach Bachmut, nachdem ich gesehen hatte, wozu diese Menschen bereit waren, und im Wissen um die Geschichte meiner eigenen Familie, wusste ich mit Gewissheit, warum ich hier war, in diesem fremden Land, um diesen Krieg zu führen.

Die letzten Worte der Sanitäterin hallten in meinem Kopf nach:

„Sag ihnen, dass es uns gab. Sag ihnen, dass wir gekämpft haben.“

Gewiss, ich würde ihre Geschichte erzählen. Aber jetzt war ich bereit, auch meine eigene zu erzählen.

Und wenn ich sehr viel Glück hätte, oder sehr viel Pech, je nachdem, wie man es betrachtet, würde ich vielleicht sogar leben, um sie zu erzählen.

 

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